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DIE STADTKIRCHE ST. PETRI UND PAULI

Aus einer am 26.September 1212 in Basel ausgefertigten Urkunde geht hervor, dass der deutsche König Friedrich II. (1212-1250) die Landschaft Mylau mit Reichenbach („Milin … cum Richenbach“) dem böhmischen König Ottokar I. (1198-1230) überließ. Zu dieser Zeit besaß die kurz vor 1240 vom Vogt Heinrich V. von Greiz zur Stadt erhobene Siedlung bereits eine Kirche, die bis heute ein wichtiges Denkmal der Geschichte und Kunst der Stadt Reichenbach ist. Zwar wird erst 1225 ein „Wernherus plebanus de Richenbach“ (Wernher, Pfarrer von Reichenbach) erwähnt, jedoch lässt die Lage der Kirche außerhalb der Stadtmauern darauf schließen, dass sie noch vor 1212 entstand.

1260 wird die Kirche Reichenbach in Zusammenhang mit des Patronats der Kirche an den Deutschen Ritterorden durch Heinrich I. von Plauen urkundlich erwähnt.

1534 ging dieses Patronat an den feudalen Stadtherrn, Joseph Lewin Metzsch (1507-1571) über. Metzsch, der als Student der Disputation Martin Luthers mit Dr. Eck beiwohnte, setzte sich seit 1526 für die Reformation in der Herrschaft Mylau und damit auch in Reichenbach ein. Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass er und weitere Vertreter seiner Familie, in der nicht mehr zugänglichen Gruft der Reichenbacher Kirche beigesetzt wurden.

Am 20.August 1720 vernichtete ein großer Brand fast die gesamte Stadt einschließlich des Rathauses und der beiden Kirchen. Pastor M. Johann Balthasar Olischer (1685-1751), dessen Bildnis im Brautgemach der Kirche hängt, schreibt in seinem „Entwurf einer Chronica der alten Voigtländischen Stadt Reichenbach“ (Leipzig 1729), dass der die Brandmauern untersuchte und feststellen konnte, dass zum wenigsten 4.mal diese Kirche vergrößert wurden war. Welche baulichen Veränderungen vor 1720 an der Kirche vorgenommen wurden, lässt sich heute nicht mehr feststellen. Nach Olischer soll die Kirche durch die Hussiten „in denen Heil. Weyhnachts-Feyertagen dieses 1429 Jahres“ zerstört worden sein. Obwohl es dafür keinen urkundlichen Nachweis gibt, ist doch eine Zerstörung der Kirche durch die Hussiten (im Januar 1430) nicht auszuschließen. Unter Verwendung der nach dem Stadtbrand von 1720 verbliebenen Reste, vor allem des höchstwahrscheinlich noch romanischen Turmstumpfes, entstand von 1721 bis 1722 ein Neubau, ein dreiseitig geschlossener Saal mit doppelten Emporen, Holzdecke und Strebepfeilern. Jedoch erst 1780 wurde auf den Turmstumpf der achteckige Aufbau mit der barocken Laterne aufgesetzt. Das Innere der erneuerten Stadtkirche St. Petri und Pauli wurde im schlichten Barockstil gestaltet. Der Kanzelaltar von 1723 ist eine Stiftung des kurfürstlichen Amtmannes Georg Friedrich Spitzner. Der mit drei Bildfeldern verzierte Kanzelkorb wird von zwei Säulen mit vergoldeten korinthischen Kapitellen und den Figuren des Petrus und Paulus eingerahmt. Darüber befindet sich ein barocker Strahlenkranz. Aus der gleichen Zeit stammen Taufstein und Lesepult, Stiftungen Reichenbacher Handwerkinnungen.

Altarraum alt

Altarraum alt

Altarraum um 1925

Altarraum um 1925

Aus der Zeit um 1680 stammt ein lebensgroßes Kruzifix, eine vortreffliche Holzschnitzarbeit eines unbekannten Meisters.
Auch ein zweites Kruzifix aus der Mitte des 17.Jahrhunderts gilt als wertvolle Arbeit. Der Körper ist aus Buchsbaumholz geschnitzt.

Bemerkenswert ist auch das Altargerät. Zu nennen sind besonders zwei 70cm hohe Silberleuchter mit dreifüßigen Untersätzen und vortrefflichen Verzierungen von dem Augsburger Meister Daniel Kellenthaler. 1712 wurden diese von der Kirche angekauft. Besondere Beachtung dürfte jedoch ein vergoldeter Silberkelch von 27,5cm Höhe verdienen. Steche beschreibt ihn 1888: „Den 18cm im Durchmesser haltenden Fuß zieren Engelsköpfe, Herz, Kreuz, Hammer, Zange und Nägel in getriebener Arbeit. Die Cuppa zeigt in gleicher, aber aufgelegter Arbeit Rundbilder des Kelches, des Schweißtuches der heiligen Veronika und seltener Weise des Kleides des Herrn und Würfel (Ev.Matth.27,V.25), Augsburger Arbeit um 1680, bez. L.S.“

Die Orgel stellt ein Kleinod der Reichenbacher Kirche dar. Sie wurde von dem berühmten Freiberger Orgelbauer Gottfried Silbermann erbaut. Das Instrument wurde am 11.Mai 1725 durch den Hoforganisten Pestel aus Altenburg geprüft. Er hatte an dem Werk nicht das Geringste zu defectieren gewusst, vielmehr dessen schöne Struktur, Ordnung, herrlichen Klang und Vortrefflichkeit allenthalben bewundert. Zwei Tage später, am Sonntag Exaudi, wurde die Orgel „mit einer Musik und einer … darauf gerichteten Predigt“ geweiht. 1971/72 wurde die 1927 stark veränderte Orgel durch die Orgelbaufirma Jehmlich/Dresden, in Anlehnung an Silbermanns Dispositionsweise, rekonstruiert. In einer Folge der Fernsehserie „Bachwerke auf Silbermannorgeln“ konnte das Instrument einem breiten Publikum vorgestellt werden.

Andreas Raithel


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